Woran erkenne ich effektive Grammatik-Übungen?

Beitragsbild_Grammar: Effektive Grammatik-Übungen

 

Dieser dritte Blog-Beitrag zum Thema Grammatik beschäftigt sich mit der Qualität von Grammatik-Übungen und mit der Frage: Wie kann ich den Nutzen und die Wirksamkeit von Grammatik-Übungen einschätzen?

David Newby [1] hat für die Bewertung von Grammatik-Übungen 5 pädagogische Prinzipien und 5 kommunikative Kriterien beschrieben, die wir uns zuerst in einer Übersicht ansehen und anschließend anhand mehrerer Beispiele.

David Newby unterscheidet

  1. pädagogische Prinzipien zur Einschätzung, welchen (kognitiven) Beitrag eine Grammatik-Übung zum Lernprozess aus der Sicht der Schüler/innen leistet,

und

  • kommunikative Kriterien, mit denen ich als Lehrer/in bewerten kann, ob die Übung eine kommunikative, lebensnahe Verwendung der grammatischen Strukturen widerspiegelt.

Fragen für Lehrer/innen bei der Bewertung einer Grammatik-Übung

Die folgende Übersicht [2] zeigt, welche Fragen ich mir bei den einzelnen Prinzipien/Kriterien stellen kann, um die Qualität einer Übung (oder eines Übungstyps) beurteilen zu können. Alle Fragen sind mit JA oder NEIN zu beantworten.

Pädagogische Prinzipien Fragen für Lehrer/innen bei der Bewertung einer Grammatik-Übung
→ je öfter Sie die Fragen mit JA beantworten können, desto besser
Depth of processing Sind die Schüler/innen in dieser Übung kognitiv gefordert?
Commitment filter Wird das Engagement und die Motivation der Schüler/innen gefördert?
Peer / social learning (oral activities) Arbeiten die Schüler/innen zu zweit oder in Kleingruppen zusammen?
Gibt es mündliche Interaktion?
Summative vs. formative exercises (= testing vs. teaching/supporting learning) Ist das Ziel, dass die Schüler/innen Sicherheit beim Anwenden der neuen Struktur bekommen (und nicht eine Überprüfung, ob eine Grammatikregel beherrscht wird)?
Do you know vs. can you use activities? Können die Schüler/innen in der Aktivität zeigen, dass sie die Struktur in einer kommunikativen Situation anwenden können (kein reiner Form-Fokus)?
Kommunikative Kriterien Fragen für Lehrer/innen
Contextualisation Ist die Übung in einen eindeutigen Kontext / eine kommunikative Situation eingebettet?
Personalisation Können die Schüler/innen ihre Ideen ausdrücken oder einen Bezug zu ihrer Lebenswelt herstellen?
Complex encoding Müssen die Schüler/innen mehr als nur ein Wort / eine grammatische Form produzieren?
Authenticity of process Werden die Schüler/innen zu natürlichem Sprachgebrauch in einer bestimmten Kommunikationssituation angeregt (statt bloßer Formübungen)?
Interaction (oral activities) Erfordert die Aktivität Interaktion der Schüler/innen miteinander?
Task-based Erfüllt die Aktivität einen kommunikativen Zweck und hat sie ein ‚Endprodukt‘ (outcome) zum Ziel?

Nicht alle Prinzipien und Kriterien können stets gleich gut erfüllt werden, da es auch von der Lernphase und vom Lernziel abhängt, welche Arten von Übungen die Schüler/innen bewältigen können.

Dennoch gilt:
Übungen, die mehr pädagogische Prinzipien oder kommunikative Kriterien erfüllen, also bei denen ich viele der aufgelisteten Fragen mit JA beantworte, unterstützen den Lernprozess besser bzw. haben einen höheren ‚kommunikativen Wert‘ als solche, bei denen viele der aufgelisteten Fragen verneint werden müssen.

Welche Formate schneiden besser ab?

Deshalb schneiden bei der Evaluierung von Grammatik-Übungen mündliche Aktivitäten und solche mit Spielcharakter in Verbindung mit Partner- oder Gruppenarbeit grundsätzlich besser ab als schriftliche Formate, die einzeln bearbeitet werden. Auch Formate, die individuelle, persönliche Antworten zulassen, haben einen höheren kommunikativen Wert als geschlossene Formate mit nur einer zulässigen Antwort.

Beispiel 1

aus easy 2 book, S. 107, mit dem Lernziel I can talk about things I have (never) done.

easy 2 book, S. 107

Für diese Aktivität lassen sich viele Fragen zu Newbys Prinzipien und Kriterien mit JA beantworten: Es ist ein interaktives Spiel mit persönlichem Bezug, bei dem die Schüler/innen schriftliche und mündliche Sprache produzieren. Auch mit Engagement innerhalb der Gruppen ist zu rechnen, weil alle aktiv beteiligt sind. Das Spiel erfüllt auch einen kommunikativen Zweck, denn die Schüler/innen streben sicher danach, die ‚Lüge‘ der Mitschüler/innen zu enttarnen.

Interaktive Gruppenspiele finden Sie immer wieder im easy book, z.B. im easy 1 book, S. 107, zur Festigung von present progressive (Lernziel: I can describe what I am doing / I can ask what someone is doing) oder lassen sich zu verschiedenen grammatischen Strukturen ergänzen.

easy 1 book, S. 107

Beispiel 2

aus easy 2 pad, S. 16:

easy 2 pad S. 16

Diese Übung als Teil einer mehrschrittigen Übungssequenz erfüllt Newbys Prinzipien und Kriterien zwar insgesamt in geringerem Ausmaß, weil sie nicht interaktiv und von den Schüler/innen einzeln schriftlich bearbeitet wird. Dennoch handelt es sich um eine effektive Übung, die das Lernen unterstützt, weil die Schüler/innen ihre eigenen Pläne ausdrücken können. Penny Ur [3] bezeichnet diese Übungen als „heterogeneous exercises“ und hebt bei diesem offenen Übungstypus mit persönlichem Bezug den Mehrwert für alle Schüler/innen (leistungsschwächere wie leistungsstärkere) hervor:

The use of heterogeneous, open-ended exercises, incidentally, not only ensures that a higher proportion of the class get learning value out of the practice; it also, like success-orientation, has a positive effect on learner attitude and motivation. Responses at many different levels can be ‘right’, hence these exercises provide an opportunity for the teacher to give slower or less confident students the approval and encouragement they need. They are also likely to be more interesting.

Außerdem habe ich auch bei diesem Übungstyp die Möglichkeit weitere Learning Opportunities zu schaffen, z.B. dass die Schüler/innen miteinander in Interaktion treten und sich über ihre Pläne austauschen, die Pläne vergleichen oder zusätzliche Fragen stellen.

Auch klassische gap fill-Formate können erweitert werden:

Beispiel 3

aus easy 2 pad, S. 27:

easy 2 pad S. 27

Verben wie in Übung Nr. 37 können z.B. für collaborative storytelling in Kleingruppen verwendet werden, wodurch die Schüler/innen für die Verbformen selbst einen Kontext schaffen. Für die Verben in Nr. 38 können die Schüler/innen auch angeregt werden, fünf Verben oder Satzanfänge ihrer Wahl noch einmal für (mündliche) Aussagen über sich selbst zu verwenden.

So kann ich aus bekannten Übungsformaten durch Ergänzungen oder Adaptierungen noch mehr herausholen. Zugleich erreiche ich, dass mehr pädagogische Prinzipien und kommunikative Kriterien nach Newby erfüllt werden.

Deshalb halte ich Newbys Ansatz zur Bewertung der Qualität von Grammatik für ein nützliches Instrument sowohl bei der Auswahl von Grammatik-Übungen als auch bei der Adaptierung bestehender oder der Gestaltung eigener Grammatik-Aktivitäten nach dem Motto:

Qualität vor Quantität

&

Vielfalt statt more of the same!

 

Bisherige Beiträge zum Thema Grammatik:

 


[1] Ich beziehe mich in diesem Beitrag auf zwei Publikationen von David Newby:
Newby, D. (2014). Do grammar exercises help? Assessing the effectiveness of grammar pedagogy. In C. Haase & N. Orlova (Eds.), ELT: Harmony and Diversity (pp. 3-16). Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing.
Newby, D. (2017). Evaluating and Designing Grammar Materials: A Cognitive+Communicative Approach. In C. Fäcke & B. Mehlmauer-Larcher (Eds.), Fremdsprachliche Lehrmaterialien – Forschung, Analyse und Rezeption (pp. 85-108). Frankfurt am Main: Peter Lang.

[2] In der Übersicht habe ich die englischen Bezeichnungen für die Prinzipien/Kriterien beibehalten und die Fragen resultierend aus den Beschreibungen von Newby (2014, p. 7-11) selbst definiert.

[3] Siehe ihren Blogbeitrag, abrufbar unter: https://www.cambridge.org/elt/blog/2017/10/11/providing-effective-grammar-practice-for-learners/

 

 

Tanja Greil ist seit 2004 Fachdidaktikerin für Englisch an der Universität Salzburg. Als Englischlehrerin war sie in verschiedenen Schulen und in der Erwachsenenbildung tätig. Neben allen didaktischen Fragen rund um den Englischunterricht beschäftigt sie ihre Familie, mit der sie in Tirol lebt.

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